Franz Mörtl - 2. Tenor

An die Stimme seines Vaters kann sich Franz nicht mehr erinnern, denn das Gründungsmitglied der „Singgemeinschaft Oisternig“ verstarb 1960, als Franz acht Jahre alt war. Der Schneidermeister soll ein begnadeter Wildsänger gewesen sein, der meist am Sonntagvormittag mit seinen Kindern, Tochter Gitta und Sohn Franz, musizierte und ihnen früh die Freude am Singen vermittelte.  
Der eigentliche Mentor von Franz war aber Onkel Alois Leiler, der langjährige Chorleiter der Singgemeinschaft und eifrige Sammler von Feistritzer Liedern. Schon mit 15 Jahren sang Franz beim Kirchenchor und lernte nicht nur geistliche Lieder, sondern nach den Proben auch die typischen Feistritzer Lieder und somit das alte Kulturgut zum ersten Mal kennen. Mit 17 Jahren wurde Franz Mitglied des „Grenzlandchores Arnoldstein“ und Gretl Komposch setzte ihn von Anfang an im alten, ehrwürdigen Quintett ein. Es folgten intensive Lernjahre mit den wesentlich älteren Sängern Herbert Kohlweg, Bruno Roschar, Edi Schicho und Arthur Wernisch.  
Nachdem Franz von 1968 bis 1988 nicht nur als Chorsänger, sondern auch als wichtiger Bestandteil des Quintetts und des Gemischten Quartetts tätig gewesen war, übernahm er nach dem Rücktritt von Gretl Komposch im Jahre 1988 auch die Leitung des Chores. Im Jahre 1992 verabschiedete sich Franz vom Grenzlandchor und widmete sich danach ausschließlich „seiner“  Singgemeinschaft Oisternig, der er schon seit 1984 als Chorleiter vorstand. In den 25 Jahren formte er die Gemeinschaft zu einem der besten Chöre unseres Landes.  
Es bleibt sein Geheimnis, wie er es schaffte, trotz des langjährigen Engagements bei zwei Chören und Quintetten zusätzlich Chorleiterkurse des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst unter Leitung von Prof. Erwin Ortner und Prof. Johannes Prinz zu belegen und viele Male als Referent und Leiter von Singwochen des Kärntner Sängerbundes in Drauhofen zu fungieren. Auch ist es müßig festzustellen, dass Franz in seinem Beruf als Lehrer an der Hauptschule in Arnoldstein großes Augenmerk auf die musikalische und stimmliche Ausbildung seiner Schützlinge legt.
Selbst nach der Übergabe der Leitung der „Singgemeinschaft Oisternig“ an seinen außergewöhnlich talentierten Sohn Christof im Jahre 2009 sind die Freiräume für Franz nicht wesentlich größer geworden, denn nicht nur seine „5 Gailtaler“, die er seit über 30 Jahren leitet, sondern auch viele andere Chöre nehmen seine profunden Kenntnisse und langjährige Erfahrung immer wieder in Anspruch. Mit Gattin Gerda, dem älteren Sohn Alexander und Tochter Magdalena unterstützt er als Sänger bisweilen auch die Singgemeinschaft.
Immer war es sein Bestreben, das Liedgut seiner unmittelbaren Heimat zu sammeln, niederzuschreiben und damit vor dem Vergessen zu bewahren. Dazu gehören auch die vielen slowenischen Lieder unserer Gegend, deren Vortrag nicht nur die entsprechende kulturelle Bedeutung manifestiert, sondern auch das friedliche Zusammenleben der beiden Volksgruppen unterstützen soll.
Es ist vom musikalischen Standpunkt her nicht abzusehen, wann Franz wirklich in den Ruhestand treten wird, und wahrscheinlich wird dies ohnehin nie der Fall sein. Wenn aber ein paar Tage ohne Verpflichtungen anstehen, dann besucht er Opernaufführungen, Konzerte und viele andere Veranstaltungen, vornehmlich in Wien. Sich zurückzulehnen und klassische Musik zu genießen ist ein Luxus, den er, jahrzehntelang in musikalischer und gesanglicher Führungsposition stehend, mehr als verdient hat.